Dies ist eine Frage, die nur schwer zu beantworten ist.
Schwer deshalb, weil der Begriff Jazz als lebendiger Bestandteil des
Sprachgebrauchs dynamisch ist und sich einer eindeutigen Definition
entzieht. Etymologisch lässt sich das Wort "Jazz" auf das französische "jaser"
(schwatzen), das englische "chase" bzw. französische "chasser" (jagen)
zurückführen. In der amerikanischen Umgangssprache deckt es als Substantiv
und Verb ein Bedeutungsspektrum von "erregen", "jagen", "erheitern" und
"anmachen" bis hin zu "kopulieren" ab. "All that Jazz" schließlich heißt so
viel wie "der ganze Mist". Klar ist, dass ab der Wende zum 20. Jahrhundert
der Begriff "Jazz" von Weißen auf die neu entstandenen unterschiedlichen
Formen des Ragtime (Stomp, Fake Music, Circus Music, Brass Band Music)
angewendet wurde.
Musikwissenschaftlich wird unter Jazz ein Oberbegriff
verstanden, der die unterschiedlichen Musikströmungen angefangen beim
Ragtime über New Orleans Jazz, Swing, Bebop, Cool Jazz, Modal Jazz, Fusion
Rock, Free Jazz bis hin zum Avantgarde Jazz mit dem Rückgrat des Blues eint
und in seinen gegenseitigen Abhängigkeiten begreift. Neuere Betrachtungen
sehen in der Hip-Hopund Rap-Musik die aktuelle Weiterentwicklung des Jazz.
Wie dem auch sei, wesentlich ist im Jazz immer der
individuelle Ausdruck und das improvisatorische Moment (was durchaus keinen
Widerspruch zu den vorab festgelegten, arrangierten Teilen der Jazz-Musik
darstellt). Der Personenkult um solche Übergrößen des Jazz wie Louis
Armstrong, Duke Ellington, Charlie Parker oder Miles Davis und das
Überragende ihrer Kunst wird erst aus dieser Perspektive wirklich
verständlich.
Musikalisch zeichnet sich Jazz v.a. durch ein besonderes
Verhältnis zur Zeit aus. Er vermittelt ein intensiveres Zeiterlebnis als die
europäische Musik. Liegt der europäischen Musik der Takt als Zeitmaß
zugrunde, bedient sich der Jazz des Multibeats, der seine Ursprünge in der
afrikanischen Rhythmik hat. Im Swing wird bspw. einem 4/4-Takt mit 4
gleichberechtigten Zählzeiten, dargestellt durch den pulsierenden
Walking-Baß ein triolischer 12/8-Takt mit beliebiger Phrasierung überlagert,
der in der Rhythmik der Melodiebildung, der Schlagzeugbegleitung und den
Vocings (rhythmisch-harmonische Begleitung) von Klavier und Gitarre deutlich
wird. Wie fremd dem europäischen Ohr diese Rhythmik auch noch heute ist,
kann regelmäßig bei der Darbietung swingender Musik nachvollzogen werden,
wenn das ungeübte Publikum seiner musikalischen Sozialisierung folgend
frenetisch auf den Zählzeiten 1 und 3 anstatt 2 und 4 mitklatscht und somit
der Darbietung den Drive nimmt.
Entstanden ist der Jazz zeitgleich an verschiedenen Orten in
den USA – wenngleich New Orleans, zur Jahrhundertwende ein Schmelztiegel der
Kulturen, übereinstimmend als Zentrum der Bewegung angesehen wird – aus der
Begegnung der afro-amerikanischen Musizierweise mit der europäischen Musik.
Entstammen Instrumentarium, Melodik und Harmonik überwiegend der
abendländischen Musiktradition, gehen Rhythmik, Phrasierungsweise und
Tonbildung sowie gewisse Elemente der Blues-Harmonik auf die afrikanische
Musizierweise zurück.